Fonn Nero

Hi! Muss mich wohl erst mal vorstellen. Ich bin Nero, ein spitzer Wolf. Oder

Nero

Wolfsspitz. Nero ist mein richtiger Name, aber manchmal heiße ich auch “Runtervomsofa” (meistens höre ich das von meinem Herrchen), oder “Hallomeinfreund”. Und wenn ich mich mächtig ins Zeug lege und furchtbar nett gucke, so wie am Frühstückstisch, nennen sie mich „Spatzl“.

Nero klingt für mich immer noch am besten. Das hat Stil, das hat Klasse, und sogar irgend einen römischen Kaiser haben sie nach mir benannt. Vielleicht sieht der mir ja ein bisschen ähnlich.

Nero

Wenn es nach Ulli, Birgit und Ricarda (das ist das kleinere Frauchen) geht, bin ich der Allerschönste. Habe absolut nichts dagegen einzuwenden. Das findet die Damenwelt übrigens auch. Klar gibt´s da die eine oder andere Zicke, die glaubt, meinen braunen Augen widerstehen zu können. Aber die sind verdammt selten und lassen mich völlig kalt.

Was mich allerdings überhaupt nicht kalt lässt, sind die Jungs aus der Nachbarschaft. Glaubt mir, da wohnen Bastarde, einer hässlicher als der andere. Besitzen die Frechheit, einfach durch meine Straßen zu spazieren, als ob das ihre eigenen wären. Und dann blaffen sie einen auch noch an.

Erst vorgestern wieder, habe ihn schon von weitem gerochen, diesen stinkenden doofen Münsterländer mit den albernen Schlappohren

.Aber darauf komme ich noch zurück.

Will euch nur kurz erzählen, wie ich meine Leute gefunden habe; vor sechs Menschenjahren war das.

Also meine ersten drei Jahre habe ich wo anders gewohnt. Kann mich nicht mehr so gut daran erinnern, war auch oft ziemlich langweilig da. Jedenfalls hatte mein Besitzer eine Flohallergie und konnte seinen Tierarzt nicht mehr bezahlen. Glaube ich. Und deswegen hat er mich an einem Baum fest gebunden und gesagt, er käme gleich wieder. Hat er natürlich nicht gemacht, der Idiot.

Wer statt dessen kam, waren zwei Leute, die am Straßenrand an hielten. Eine Weile unterhielten wir uns ganz nett, wobei sie auch den Zettel an meinem Halsband fanden. In der nächsten Minute saß ich auch schon in ihrem Auto, und nach ewig langer Rumgurkerei setzten sie mich dann in einem evangelischen Hotel ab.

Woher ich das mit dem „evangelischen“ weiß?

Nero

Mmhh..ne Salzstange

Nun ja, ich habe mir früh das Lesen bei gebracht, deshalb konnte ich sehen, was auf dem Schild über dem Hoteleingang stand: “Tierheim Bottrop e.V.”

Nero

Meine Salzstangen

Das war für die nächsten drei Monate mein Zuhause. Ich will nicht meckern. Vollpension, ganz anständiges Essen eigentlich. Musste ich zwar mit einem Zimmerkollegen teilen, und nett wie ich bin, habe ich ihm immer den Vortritt gelassen. Dafür lief da oft so ein zweibeiniger Hund rum (freundliche alte Tante, steckte meistens in einem langen Pelzmantel). Ein genialer Lieferant für Hähnchen und Leberwurstbrot! Davon träume ich heute noch.

Ich hatte auch regelmäßig kontrollierten Ausgang mit Stuhlgang. Manchmal holten mich sogar irgend welche Leute ab, die ich dann im Wald spazieren führte. Aber so bald die Laternen angingen, mussten wir auf unser Zimmer.

Was mich am meisten nervte, war diese tierische Lautstärke. Von morgens bis abends meinten einige Tölen, sich beschweren zu müssen. Ich will hier raus, ich will mehr Futter, ich will anderes Futter, ich will meine Ruhe undsoweiterundsoweiter.

Manche wurden auch richtig rabiat und ließen ihre schlechte Laune an mir aus. So ein fieser Dalmatiner hat mich mal über den ganzen Hotelhof gescheucht und wollte schnappen. Das hättet ihr sehen sollen, wie ich´s dem gezeigt habe! Richtig feste angebellt hab ich den, jaha, bis endlich ein Zimmermädchen angerannt kam und der Hatz ein Ende machte.

Irgendwann nahm mich dann jemand im Auto mit zu sich nach Hause. Ich fand´s eigentlich ganz okay da und markierte einen wunderschönen Tannenbaum als meinen. Lieber Himmel, haben die sich aufgeregt! Bloß weil ich die Tanne gegossen hatte – versteht das einer?

Jedenfalls war ich schneller wieder zurück, als ich denken konnte, und die Leute fuhren erst weg, nach dem sie sich beim Hotelmanager ordentlich über mich beschweren durften.

In diesem Zusammenhang: Was bedeutet „Psycho-Macke“?

Ungefähr zu dieser Zeit lernte ich endlich meine neue Familie kennen. Als ich so in meinem Zimmer saß und allen Lieblingsfeinden sämtliche Hundekrankheiten an den Hals wünschte, holte mich das Zimmermädchen nach draußen. Das hieß, ich sollte einem Besucher die Umgebung zeigen.

Und da stand sie. Mein zukünftiges Frauchen!

Was mir in dem Moment ziemlich egal war.

Ich kann das erklären. Hinz und Kunz wollten von mir ausgeführt werden, fast jeden Tag ein anderer, und anfangs war Birgit für mich eben nur irgend ein Hinz. Oder Kunz.

Ich schlug also alle guten Ratschläge routinemäßig in den Wind – “benimm dich anständig” (jaja) und “zieh nicht so an der Leine” (blablabla) – und schleifte Frauchen durch den Wald. Fazit: Birgit war begeistert.

Drei oder vier Mal ging es so, bis Frauchen mich wieder abholte. Mit dem Auto.

Dies war der Beginn einer langen Freundschaft.

Und einer der stressigsten Tage meines Lebens.

Zuerst fuhren wir nach Hause, wo Birgit mir Zeit ließ, alles zu beschnuppern. Ein fantastischer Katzenduft lag in der Luft. Ich untersuchte in der Küche den Backofen, ob die Katze noch darin schmorte. Fehlanzeige. Frauchen erklärte mir später, dass der Stubentiger, mein Vorgänger, vor kurzem den Löffel abgegeben hatte.

Mit oder ohne Taschentrecker – mir gefiel´s. Ich betrachtete die Wohnung als mein neues Revier, und, durcheinander wie ich war, hob ich mein Bein …

Oh oh, das gibt Ärger, dachte ich. Da will man sich von seiner besten Seite zeigen, und schon passiert genau das Gegenteil. Ich hatte statt des Tannenbaums das Tischbein getroffen. Mit einem lang gezogenen „Nein!!“ stürzte Birgit ans Telefon.
Okay. Das war´s. Ich hol schon mal die Leine.

Ich will gar nicht hin hören. Aber irgendwie kriege ich doch alles mit.

Kuscheltier

“…wirklich stubenrein? … nur markiert? … gefällt ihm bei uns … aha … dann bleibt er hier.”

Heureka! Es gibt sie! Zweibeiner, die in Sachen Intelligenz unserer Rasse in kaum etwas nach stehen… Woran ich allerdings am Ende dieses langen Tages schon wieder zweifelte. Statt mir erst mal ein bisschen Ruhe zu gönnen, wischte Birgit nur schnell die Pfütze weg, und das Programm ging weiter.

Zuerst fuhren wir zum Tiesmeyer-Geschäft (da stehen ganz viele Ragele – oder Regale –  mit komischen Dingern drin, ich glaube, Brillen nennen die Zweibeiner das), wo Herrchen arbeitet.  Oh Mann, was für eine Spur! Das Mädel hatte ich wohl nur ganz knapp verpasst. Die Nase am Boden, zerrte ich Birgit fast durch den ganzen Laden, bis sie den Anker auswarf.

“Hey, jetzt sag doch mal Hallo zum Ulli!”

Hi, altes Haus, alles klar? Ich setzte ein friendly face auf und hoffte, dass die Formalitäten damit erledigt waren. Diese leckere Spur musste ich unbedingt weiter verfolgen. Statt dessen hatte ich auf einmal Ullis Hand vorm Gesicht baumeln und schnupperte. Auch nicht schlecht. Ein bisschen wie Katze mit warmer Seife, aber vielleicht war die Katze auch nur Wunschdenken. Gleich darauf kraulte mich dieselbe Hand da, wo ich´s am meisten liebe.

Buddeln. Ja!!

Hinterm Ohr natürlich, was dachtet ihr denn?!

Ja, mach weiter, Kumpel …

Schon riss mich Birgit wieder in die Realität zurück. Es ging weiter. Wir holten das kleine Frauchen von zu Hause ab (Ricarda war tierisch aus dem Häuschen wegen mir). Und dann fuhren wir zu Omma, der ich unbedingt vorgestellt werden musste und die von da an nur noch “Wurst-Omma” hieß, weil ich bei ihr die Nase in den Kühlschrank stecken durfte und jede Menge Salami bekam.

Auf die anschließende Foto-Session hätte ich verzichten können. “One photo, please, and smiiiiiile!!” Ein Lächeln für Wurst-Omma, ein Grinsen für Rici … Wuahhh! Die Tante mit dem komischen Namen Doris, die auch noch bei Omma zu Besuch war und wohl ziemlichen Respekt vor mir hatte, lachte sich die ganze Zeit halb tot. So lange ich ihr nicht zu nahe kam. Alles in allem ein Geräuschpegel, der den Lärm des Hotels fast übertraf.

Leute! So geht das doch nicht! Wo gehöre ich denn jetzt hin? Ins Tierheim, oder zur Wurst-Omma? Oder dahin, wo der Weihnachtsmann – äh, Weihnachtsbaum – steht?

Zum Glück gönnte Birgit mir eine Auszeit im nahe gelegenen Wald, wo ich meine Nerven ein bisschen glätten konnte. Ich atmete tatsächlich auf. Bis er mir wieder stockte! Gina, eine Retriever-Hündin, ein Bild für die Götter. Jung, unschuldig, läufig … Ja, damals ging´s noch. Als ich noch ein richtiger Rüde war, nicht so wie heute. Also ihr wisst schon … Jedenfalls habe ich nie erfahren, ob hier irgendwo kleine Wolfsretriever rum laufen.

Wer soll jetzt noch von mir überzeugt werden, dachte ich, als wir uns von Wurst-Omma verabschiedeten. Als Birgit den inzwischen bekannten Weg einschlug, wurde mir alles klar: Ich musste ins Hotel zurück! In ziemlicher Depri-Stimmung lag ich im Kofferraum und dachte darüber nach, an welcher Stelle ich versagt hatte. Keiner will mich, keiner mag mich. Okay, lass ich mich eben wieder von Snoopie, diesem dämlichen Dalmatiner scheuchen.

Nero Jan 06

Ich liebe Stöcke

Frauchen öffnete die Heckklappe und fragte: “Willst du hier warten oder mit rein kommen?”

Keine Sekunde mehr als nötig, fiepte ich.

Birgit hatte verstanden und trat mit Rici durch das Gittertor.

Nach einer Ewigkeit kamen die beiden zurück und setzten sich  auf den Rücksitz.

“Okay, mein Freund”, fing Birgit feierlich an.

Spar dir das. Lass mich einfach raus und die Sache ist erledigt.

“Ich habe jetzt für dich den Höchstsatz bezahlt, klar? Und dabei hab ich dich gar nicht gefragt, ob du überhaupt bei uns bleiben willst. Also muss ich das nachholen. Meinst du, du hältst das mit uns aus?”

Häh?

“Keine Sorge”, schwafelte sie weiter, “so krass wie heute wird´s bestimmt nicht oft sein. Außerdem hab ich schon eine Leine für dich gekauft. Und Frolics!”

Tja, wenn das so ist … Leberwurstbrot schmeckt natürlich noch besser …

“Und ich glaube, da ist noch ein Rest Leberwurst übrig.”

Na geht doch! Zur Bestätigung wuchtete ich meine Pfote auf ihren Arm, und sie legte ihre Pfote wieder auf meine. Sozusagen ein ergreifender Moment.

Nero Sep 03

Na und. Lasst mich einfach in Ruhe...

Abends wurde es dann noch richtig gemütlich. Ich lag auf einer kuscheligen Decke, hatte meine Ruhe und dachte über diesen verdammt langen Tag nach, über meine neue Familie, über Wurst-Omma, Doris, Gina, Snoopie, auch über den zweibeinigen Hund mit dem Hähnchenfilet und das evangelische Hotel.

Es hat dann noch ein Weilchen gedauert, bis ich meine Leute so richtig ins Herz geschlossen (und nach meinen Begriffen erzogen) hatte. Jaha, wir spitzen Wölfe sind da ein bisschen eigen! Aber mittlerweile finde ich die drei Zweibeiner so klasse, dass ich nie wieder zu diesem Typen mit der Flohallergie zurück kehren würde! Echt!

Jetzt muss ich euch unbedingt noch die Sache mit der Hundeschule erzählen. Also das fing so an …

Moment, Frauchen ruft gerade; sie muss mal eben zur Wiese, ihr Geschäft erledigen. Oder so.

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Nero hatte Leberkrebs und musste am 15. April 2010  eingeschläfert werden, nachdem er 10 Jahre mit uns gelebt hat.

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